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Dalibor
 

Embrunman

"Form kommt und geht, Klasse bleibt."
Jens Voigt, Radprofi bei Credit Agricole
 
 
3,8 km Schwimmen - 188 km Rad - 42,2 km Lauf
Gesamthöhenmeter: 4.800
Höchster Punkt: Col del’Izoard, 2.360 m

Embrunman: „Mythos.“ „Wahnsinn...“ „Em- was?“, „Der geilste Ironman.“

Wo immer man dieses Zauberwort unter Triathleten in die Runde wirft, irgendeiner bekommt immer glänzige Augen. „Und dann dieser letzte 14%er, nachdem du schon fast viertausend Höhenmeter in den Keulen hängen hast. Ich sach’ dir Alter, nich’ normal!“ Oder: „Die Schwimmstrecke? Ja, die is’ flach, aber wenn die da einen Berg einbauen könnten, sie würden’s tun...“

Schämt Euch Ihr Unkundigen, die Ihr nichts über den Embrunman wisst! Das ist schliesslich ein Rennen, bei dem man gewesen sein - ja es ist so - MUSS. Roth? Ganz nett mit all’ den Zuschauern. Hawaii? Hübsch, sind alle da. Aber Embrun...

Der Embrunman wird 2003 stolze 20 Jahre alt. Grund genug, um eine kleine hommage an den härtesten aller Ironman zu schreiben. Und hoffentlich bietet es Anstoss für den einen oder anderen auf der Suche nach einer Herausforderung. Der zehnte flache Ironman bringt’s nicht mehr? Zuviel Windschattenfahren? Finishen ist nur noch ‚nett’, das ‚feeling’ vom Anfang aber ist irgendwie verblasst? Ihr könnt das ewige ‚Aloha’ nicht mehr hören? Lest weiter...
3.800 Höhenmeter. Col de l’Izoard, 2.360m über Meer. Das sind die Eckdaten der Radstrecke. Klingt nach Tour de France? Ist auch so ähnlich. Ok, wir Triathleten Schwimmen noch ein wenig vorweg und Laufen ein bissl hintendrauf. Aber der Reihe nach.

Embrun liegt 800m hoch am grössten Stausee der Alpen in den französischen ‚Alpes Maritimes’. Ein kleines Städtchen, eine Mischung aus Provence und Alpen. Schneebedeckte 4000er und Kräuterdüfte gleichzeitig. Dazu ein Café au lait plus Croissant... Im Sommer wird’s richtig schön warm, da geht’s im August schon mal deutlich über die dreissig Grad. Aber alpentypische Wetterkapriolen sind nicht ausgeschlossen. Dennoch: Embrun verzeichnet 300 Sonnentage im Jahr!!! Und bitte eines vorweg: die Aussprache ist wichtig. Deutsch ausgesprochen klingt Embrun mehr nach einem Rindviech (nein, nicht ‚Ebru’). Auf Französisch aber... hach...

Ca. 900 mehr oder wenig verrückte Triathleten pilgern jedes Jahr am 15.08. (Fixtermin) nach Embrun. Und – jawohl! – auch ‚Big-four-member’ Scott Molina steht schon in der Siegerliste. Mark Allen gewann Ende der 80er an derselben Stelle einen Kurzdistanz-Weltcup. Aber die Ironmandistanz? „Nein Danke, zu hart.“, soll er bloss gesagt haben. Egal, dafür sind ja wir da.

Gerald Iacono heisst der umtriebige Organisator des Embrunman. Schon oft stand das Rennen vor dem Aus. Monsieur „Embrunman“ war am Ende seiner Motivation angelangt, wollte das Mammutrennen nicht mehr organisieren. Totgesagte leben aber eben länger. Als Iacono im Gespräch war, in Frankreich einen ‚offiziellen’ Ironman auszurichten – es gab bis Gerardmer 2002 keinen anderen nennenswerten Ultra auf der anderen Rheinseite -, war sein Kommentar kurz und aufrichtig: „WTC? Alles Verbrecher.“ Und heute gelingt es ihm insgesamt stolze 76.000 € auf die Top6-Finisher zu verteilen! Startgeld? 100 €.

Die Schwimmstrecke ist ein unspektakulärer Zwei-Runden-Kurs im Lac du Serre Poncon. Genauer gesagt im durch einen Damm vom Hauptsee abgetrennten Teil. Das garantiert Temperaturen von über 20°. Unspektakulär? Nicht ganz. Der Start ist schon um 6 Uhr. Und da ist es in den französischen Alpen Mitte August schlicht und einfach noch stockdunkel. Ist mal was anderes, erleichtert die Orientierung aber nicht unbedingt.
188 km misst die Radstrecke. 400m flach aus der Wechselzone, schon geht’s bergauf. Und zwar richtig – fast 15 km! Ist aber eigentlich nur zum Warmfahren. Nach dem ersten Gekraxel, während sich die Sonne über die Alpengipfel schiebt und man die technische Abfahrt hinter sich hat, geht’s wieder zurück zum See. Man kann bei Km 40 nochmals schnell die Anhängerschaft grüssen, ehe man die lange Reise zum Col de l’Izoard antritt. Das kleine, aber hübsche Nebensträsschen schlängelt sich oberhalb der Durance Richtung dem auf eintausend Meter Höhe gelegenen Guillestre. ‚Gewöhnungsbedürftiger’ Strassenbelag und kleine Rampen zerren schon früh weiter an den Schenkeln. Die Fahrt führt von Guillestre aus gut 15km durch ein imposantes Tal mit atemberaubenden Schluchten und dunklen Felstunnels. Dann der eigentliche Anstieg zum Col de l’Izoard. Der ist ein echter Tour de France-Klassiker, 1000 Höhenmeter auf ca. 12 km. Verkehr gibt’s kaum, am Wettkampftag ist die Strasse gar grösstenteils gesperrt. Zuerst geht’s an Wiesen und Weiden vorbei, dann durch das Dörfchen Arvieux auf einer fies-steilen, 2 km langen Gerade mit zweistelligen Steigungsprozenten. Auf 1600 Meter Höhe dann nochmals Wald mit Kehren, richtig erholsam flach ist es nie. Und auf 2000 Meter führt die Strasse dann plötzlich durch die Mondlandschaft der ‚Casse Desert’.

Bei der dünnen Luft da oben erkennt man das am Strassenrand aufgestellte Monument für einen Radrennfahrer vergangener Tage kaum mehr. War es Coppi? Oder doch Rivale Bartali? Oder beide? Egal, im Juli 2003 werden sich die aktuellen Heroen des Radsports bei der französischen Schleife dort wieder hochplagen. Sogar der Giro hat schon kleine Auslandsabstecher zum Izoard hinter sich (zuletzt 2001), die Strassenbeschriftungen lassens erahnen. Kurz unter dem Gipfel stehen unsere Fans gar Spalier. Da kommt Freude auf! Aber mies kühl kann es auf beinahe 2.400 Meter auch im Hochsommer schon sein. Und dass 20 Grad auf 2.400 Meter später beim Marathon beinahe 35 Grad bedeuten würden, war mir zu der Zeit noch nicht bewusst. Apropos Abfahrt! Wer nach 130 Radkilometern unten im Tal in Briancon angekommen ist und glaubt, dass es von da an entlang dem Fluss „Durance“ nur noch abfallend zurückgeht, der irrt. Um der Hauptstrasse auszuweichen, geht’s wieder auf kleine Nebensträsschen. Und dort warten noch einige Überraschungen. Unter anderem ein 2 km langer 20%er. Da ist bei manchem Teilnehmer schieben angesagt. Doch all das (Rad-)Leiden hat ein Ende. Wer bei Km 178 durch Embrun rollt und den Streckensprecher über die Lautsprecher vernimmt, wähnt sich zuhause. Aber vorerst darf man die Heimat nur schnüffeln. Der Embrunman wäre nicht der Embrunman, wenn es nicht kurz vor der Wechselzone nochmals rechts abginge, bergauf. „Chalvet“ heisst das Übel, ein Dörfchen oberhalb Embrun. 5 km mit bis 12% müssen nochmals erklommen werden. Dann ist’s aber endgültig geschafft. Wobei ich anmerken muss, dass für mich der schwerste Teil der gesamte Strecke die Schlussabfahrt war. Ich war muskulär und energetisch so fertig, dass mich die Haltearbeit auf den kurvigen Strässchen mit schlechtem Belag beinahe überfordert hätte. Ich kann mich an zwei ‚Fast-Stürze’ erinnern.
Wem das jetzt zu brutal klingt, dem sei folgendes gesagt: sicher, bergfest sollte man auf dem Rad in jedem Fall sein. Aber es geht ja nicht 186 km bergauf. Die Abfahrten sorgen auch für Erholung. Hart ja, aber für gut trainierte in jedem Fall machbar. (Als Anhalt Radvergleichszeiten von mir: flacher Ironman (Regensburg): 4:45h Lanzarote: 5:45h Embrun: 6:45h)

Der Lauf. Da verschwomm vieles im Halb-Delirium. Zwei Runden sind zu absolvieren. Dabei ist das Aufstehen vom Holzstühlchen, das neben jedem Rad in der Wechselzone steht, schon echte Willensanstrengung. Zuerst geht’s flach eine Runde um den kleinen Teil des Sees, in dem morgens geschwommen wurde. Dann vom See unten hoch nach Embrun, das ein wenig über dem ganzen Tal thront. Das ist dann schon mal wieder eher gemein, 10% steil und einfach nur hart. In Embrun weiter hoch durch das Hauptfussgängergässchen vorbei an Cafés und Souvenirläden. Endlich oben angekommen zeigt sich, dass bergablaufen unangenehmer sein kann, als hoch, wenn man dicke Beine hat. Wieder unten ‚rollt’s’ erst einmal flach auf einer Wendepunktstrecke „en Durance“, also an dem Fluss Durance („endurance“ = Ausdauer ;)). Danach wird’s wieder unangenehm wellig auf einem kleinen Nebensträsschen an Campingplätzen, Chalets und Wohnhäusern vorbei. Eindeutig der härteste Abschnitt der gesamten Laufstrecke. Wenn’s heiss ist, schmilzt hier der Teer. Kein Scherz.
Zurück am See ist die Laufrunde absolviert und spätestens jetzt fragt man sich, ob gar die Laufstrecke härter als die Radstrecke ist. Nur noch ’ne zweite Runde und dann ist es geschafft.
Der Embrunman ist einfach ein Wettkampf, den man sich für sich selbst verdienen muss. Da gibt’s kein Schummeln, kein „Glück gehabt“. Ich war selten so zufrieden mit meiner Leistung wie dort. Platzierungen sind Nebensache. Denn wer nicht mindestens eine Zeit von 8:45h bei flachen Ironman draufhat, der braucht sich auch keine Gedanken wegen des Preisgeldes zu machen. Die Landschaft? Ist zwar subjektiv, aber: ich war in, Kona, Florida, Engadin, der Toskana und sonstwo. Nirgendwo ist es im Hochsommer SO schön wie dort!

Mein Kumpel Patrick formulierte es so: „Ironman Lanzarote, so ein Rennen kannst Du jedes Jahr machen. Ist zwar hart, aber in 365 Tagen hast Du die Schmerzen locker vergessen. Embrun ist anders. Das brennt sich ein. Da ist maximal ein Zweijahresturnus möglich. Die Schmerzen hast Du nicht so schnell mal über den Winter vergessen.“
http://perso.wanadoo.fr/jb.oury/embrunmanen.htm
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